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Gschichtle von früher



Gschichtle 46:
Aus "Gschichtle" wird "Geschichte"
Kriegsende 1945 im Eichwald
von Hubert Ganter
(2.8.08)


(Ergänzung des Webmasters: Da mir keine Bilder zu den Vorgängen rund um den Eichwald vorliegen, habe ich die Erlebnisse durch Bilder
aus den 40er Jahren ergänzt, damit man sich die Schauplätze besser vorstellen kann)

Die letzten Kriegstage, erlebt im Eichwald    (Mitte April 1945 )
Was ich heute berichten möchte, ist in etwa chronologisch
aufgebaut, absolut authentisch und vor allem durch mich, wenn auch als Kind, als Augenzeuge erlebt. Ich bemühe mich, möglichst kurz und prägnant zu berichten.

Hotel Schindelpeter bietet seine Vorräte an Wein an, wir holen mit
Milchkannen und Flaschen Wein.
In der Schule Hof wird ein Lager "geplündert". Bruno und ich wollen auch
etwas holen, finden
nur noch eine, wenn auch neue, Kloschüssel vor. Transport mit dem
Leiterwägelchen nach Hause. – Auf Kommando meines Vaters Transport umgehend zurück!!
Absolute Verdunkelungs-Vorschrift. Gehe bei Dunkelheit bis zum Denni, um
Milch zu holen.
Auf dem Breitmattplatz ist ein Lager der deutschen Soldaten. Wir sind
ständig dort. Ein Bub klaut eine Maschinenpistole und wird im Eichwald von Soldaten
schließlich gestellt.
In s´Wecke Hof steht ein defekter Bus für Soldatentransport. Ein kleines
Kettenfahrzeug - vorn wie ein Motorrad mit Lenker schleppt ihn ab. Wir finden eine große Menge Pulver, offensichtlich eine Sprengladung in Form eines runden Säckchens und machen in s´Wecke Hof ein kleines Feuer. Zumindest anfangs !
Die älteren Buben werfen immer kleine Mengen Pulver ins Feuer, bis ich
als Jüngster den kleinen Baumwollsack vollends ins Feuer werfe. Kein Kommentar.

Offiziere richten bei uns im großen Atelier ein Stabskommando ein mit
einem riesen Arsenal an Kartenmaterial.
Einer dieser Offiziere postiert sich oberhalb des Eichwäldchens, um mit
seinem Karabiner auf Flugzeuge zu schießen.
An der Hauptstraße Höhe Haus Schindler wird eine Panzersperre mit dicken
Baumstämmen, in einen tiefen Graben versenkt, gebaut, aber glücklicherweise im
entscheidenden Moment nicht vollends geschlossen. Das Haus Schindler und Umgebung wären durch Panzergranaten durchlöchert worden.
Soldaten postieren zwischen Haus Fellmoser und Schwesternhaus ein Geschütz, gerichtet auf Panzer, die bald bei "Braunschneiders" auftauchen werden.

EnergischerProtest der Nachbarn, die Häuser Fellmoser, Ganter, Weck und das Schwesternhaus wären wie ein Schweizer Käse von Granaten durchsiebt worden.
Besonderer Hinweis auf den Mesner, Herr Steimel, der sein Leben
buchstäblich dafür eingesetzt hat, dass nicht nur unsere Häuser, sondern auch wir selbst noch einmal davon gekommen sind.
Die Soldaten gaben schließlich nach und zogen im letzten Moment
ab! Einzelheiten als Augenzeuge allenfalls im persönlichen Gespräch, aber nicht hier.

Soldaten werfen ihre Gewehre und Pistolen bei der Brücke im Eichwald in
den Bach.
Schade , wir hätten gerne zumindest die Pistolen wieder geholt, durften
natürlich nicht!

So genannte "Kettenhunde" d.h. Militärpolizei, bringen einen
Fahnenflüchtigen vor ein Schnellgericht, ein Kriegsgericht, das im Eichwald stattfindet (Datenschutz ).Der Verurteilte wird abgeführt und im Eichwald erschossen (Datenschutz). Pfarrer Schneble leistete priesterlichen Trost und Beistand.

Herr Pfarrer Schneble und Frau Zander verlassen das Pfarrhaus und kommen
zu uns in das Arbeitszimmer.
Von dort sehen wir die ersten Panzer anrollen. Sie erreichen den Eichwald.
Albert Stolz geht zur Haustüre hinaus und schwenkt ein weißes Tuch und
will Richtung Brücke. Er kommt nur bis zum Haus Weck, wird mit Gewehrschüssen zurückgejagt. Panzer fahren die Eichwaldstraße hoch.
Dazwischen bilden Soldaten eine Kette, Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten im Anschlag. Ein Marokkaner kommt zu uns ins Zimmer und richtet das Gewehr auf uns, er durchsucht das Haus und geht wieder.
Einen Tag später wieder Panzer, aber wir Buben trauen uns auf die Straße.

Ein Panzerkommandant mit Turban schwingt einen langen, geschwungenen Säbel
gegen uns.
Der Säbel fällt auf die Straße. Ich renne hin, nehme den Säbel an der
Klinge, gehe bis unmittelbar an die Panzerketten heran und reiche den Säbel hoch, damit sofort damit nach mir geschlagen wird.
Zwischen Schindelpeter und Waldeck kommt ein Panzer von der Straße ab
und bleibt auf einer kleinen Einfahrt liegen.

Die Männer der Nachbarschaft werden zur Wache unter Todesandrohung
verpflichtet, sollte dem Panzer etwas passieren.
Größere Lagerplätze der Soldaten waren das Gelände zwischen dem Bach und der
Hauptstraße, das gesamte Gelände von "Schmidtpeters", beim Hotel
Schindelpeter und vor allem hinter dem Sägewerk Baumann im Hof.

"Schmidtpeters" - Gelände


Sägewerk Baumann

Wichtige Anmerkung:
Bei den Soldaten handelte es sich keinesfalls um Franzosen im
eigentlichen Sinne.
Die Kampftruppen der ersten Welle waren ausschließlich Marokkaner.
Solange diese Marokkaner im Eichwald waren, ging es mir, und uns, so gut wie dann
viele, viele Jahre nicht mehr. Sie brachten reichlich Essen, das meine Mutter zubereiten musste und ich durfte zwischen diesen exotischen Männern mit Turban und Messern am Tisch sitzen und mich satt essen.
Wenn ich im Lager uns gegenüber unter den Soldaten herumstreunte, gab es
auch mal ein Stück Schokolade und selbst Zigaretten haben wir
gebettelt. Zigaretten? Die habe ich umgehend bei Anna, die auf der Treppe saß und rauchte, gegen Schokolade eingetauscht.
Über Nacht waren die Soldaten fort. Das Geschirr, das sie sich in den
Häusern im Eichwald zusammengeholt hatten, lag ungespült und verstreut bei den Baracken  hinter der Halle.
Unser Geschirr stand exakt gespült auf dem Fenstersims. Es war eben so.
Als später die eigentlichen französischen Besatzungstruppen kamen begann
für uns alle eine sehr schlimme Zeit der Not und vor allem der Hunger.

Nach Abzug der ersten Truppen fanden wir auf dem Lagerplatz (Alois
Karcher) eine ganze Hammelkeule und eine "Granate ". Ganz vorsichtig wickelten wir sie aus und es kam eine große Flasche mit Tinte heraus!
In der folgenden Zeit wurden Fische mithilfe von Handgranaten
"erlegt" ,jedes Huhn, das gesichtet wurde, wurde geschossen (Moslems) und für uns Kinder war diese erste Nachkriegszeit irgendwie auch interessant und aufregend.
Die Schule Hof war von Marokkanern besetzt. Wenn sie im Hof saßen und aus
Konservendosen oder Kännchen aßen, setzten wir uns ganz nahe neben sie in der
Hoffnung, dass ein kleiner Rest übrig bleiben könnte. Oft hat das geklappt und wir haben das "Geschirr" in  dem kleinen Bach neben dem Schulhaus gespült und gar mit Sand ganz glänzend gerieben. Ein Satz bleibt mir wörtlich in Erinnerung:
Gerhard spricht perfekt französisch und sagt beim Essenbetteln:
"Papa Schneider! Du mir m a ng e r !"

Im Haus Fellmoser (Ganz )zieht ein hoher Offizier ein.(Colonel = Oberst ),
Continis müssen ihre Villa verlassen und bewohnen eine Baracke Richtung
Steinbruch.
Nach einem Aufruf  liefern wir unser Radio beim Rathaus ab. Hinter dem
Rathaus förmlich ein Gebirge aus Radios.
Weiterer Aufruf (unter Strafandrohung ) alle Waffen abzuliefern.
Bruno und ich tragen den Karabiner meines Vaters (Volkssturmmann) zum
Rathaus.

Stellvertretend für die folgende Notzeit zwei Beispiele:
Herr Wenzler (Schülerspeisung) bringt uns von einem Höhenhotel
verschimmeltes Brot für die Hasen. Mein Vater schneidet für mich die Krusten weg und ich esse sie!
Bruno und ich gehen "Äpfelauflesen". Strecke: über Klotzberg, hinunter in
die Rheinebene,  bis Hatzenweier, über Klotzberg zurück ins Obertal. Ausbeute für mich: ein kleines Körbchen angefaulter Äpfel.
Rechnet mal die Strecke aus und die verbrauchten letzten Kalorien, die
noch im Bauch waren.
Zum Abschluss: Sollte Euch einmal Torte, Schinken, Schweinefilet, Rehrücken oder Kaviar o.ä. überhaupt nicht mehr schmecken, dann lest doch einfach hier ein paar Zeilen und es geht Euch gleich wieder besser.
Bestimmt!!!

Anhang:
Originaldokumente:

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Wir mussten unseren Radio-Apparat zum Rathaus bringen.
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Quittung !
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Quelle: "Begegnungen" - Lese- und Arbeitsbuch zur Geschichte der Stadt Bühl, Herausgeber: Stadt Bühl - Realschule Bühl



Gschichte 47:"Sabotage" durch Carlo Bonzini
von Hubert Ganter

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